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Pontifikalamt des Nuntius in Wien (Franziskanerkirche) 2007, Foto: FSSP

Auszug aus der Süddeutschen Zeitung, 28.11.2009 mit freundlicher Genehmigung des Autors www.alexander-kissler.de

Fester Glauben
Wie die katholische Kirche weiter um ihre Liturgie streitet

Nicht alle Häuser, die vor vierzig Jahren gebaut wurden, stehen noch. Manche mussten weichen, weil sie den Stürmen nicht trotzten, andere waren morsch
von Anbeginn. Der Liturgiereform ergeht es nicht anders. Als sie am ersten Adventssonntag des Jahres 1969 in Kraft trat, war sie Gegenstand der schönsten Hoffnungen. Die in vielen Punkten grundlegend veränderte Messe sollte „Herz und Sinn der Christen erleuchten und nähren”. So stand es in einer Apostolischen Konstitution Papst Pauls VI. mit Namen „Missale Romanum”. Heute sind die Rufe nach einer „Reform der Reform” unüberhörbar: Hat die katholische Kirche damals ihre eigene Geschichte verraten? Ist der Glaubensabbruch auch einer Reform anzulasten, die der Willkür und dem Unernst die Tore öffnete?

Offensichtlich ist manche Verstrebung aus dem Lot geraten. In diesem Sinne äußert sich der oberste Ritenwächter des Vatikans. Antonio C. Llovera nämlich, Präfekt der Gottesdienstkongregation, erklärte jüngst gegenüber einer spanischen Zeitung: Das „Sensorium für den Gottesdienst und für Gott” sei verlorengegangen. Im Innern der Kirche mache sich „eine umfassende Säkularisierung” breit, „deshalb hält man es für angebracht, unentwegt irgendetwas in der Liturgie zu verändern, Neuheiten einzuführen und alles kreativ zu gestalten.” Ähnlich kritisch sehen es viele Künstler. Sie vermissen den Eigengehalt der religiösen Sphäre. Kirchenneubauten seien oft abweisende Versammlungsräume, Gottesdienste erinnerten an Kindergeburtstage. Deshalb erging Mitte November ein internationaler Appell an Benedikt XVI. Das „Gebäude der römischen Liturgie” müsse die Sakralität zurückgewinnen, in der Musik wie in der Architektur.

Unterzeichnet war der Appell von rund 500 Intellektuellen und Künstlern, darunter Martin Mosebach, der mit seiner Schrift „Häresie der Formlosigkeit” zum prominentesten deutschen Kritiker der Liturgiereform wurde. Ähnlich klare Worte fand nun der Dirigent Enoch zu Guttenberg in der Würzburger Tagespost. Der fast komplett aufgegebene gregorianische Choral sei „der Basisgesang der Kirche” gewesen und die lateinische Gebetssprache ein völkerverbindendes Element. Von 1969 an habe sich „ein echter Bildersturm, der wahnsinnig viel Kultur zerstört hat,” vollzogen. Messbücher wurden ebenso entsorgt wie Heiligenfiguren. Außerdem, so zu Guttenberg, sei der Gottesdienstbesucher heute „von der Begabung eines Pfarrers abhängig, mit der vielgepriesenen Demut hat das nichts zu tun, es ist eher Hochmut.” In der neuen Messe gibt es weniger verpflichtende Gebete und Gesten, flexible Varianten haben feste Rubriken abgelöst.

Umstritten ist, inwieweit Paul VI. das Mandat für einen derart umfassenden Eingriff hatte. Das II. Vatikanische Konzil wollte eine „behutsame Durchsicht der liturgischen Bücher”, nicht die „Schaffung eines neuen Kultes”. In einer Rede vom November 1969 erklärte Paul VI., die Reform sei Gesetz und ein „Zeugnis von Treue und Lebenskraft, dem wir alle ohne zu zögern Zustimmung schulden”. Trotz „vieler neuer Vorgaben” handele es sich um „die gleiche Messe, die wir immer hatten”. Es ginge allein darum, „dass die Gläubigen an den liturgischen Geheimnissen mit größerem Verständnis teilhaben”.

Auch weil diese Hoffnung sich nicht erfüllte, rehabilitierte Benedikt XVI. im Juli 2007 die Alte Messe. Sie gilt seitdem als gleichberechtigte außerordentliche Form. Anfang November hat mit dem Kölner Weihbischof Klaus Dick erstmals ein deutscher Bischof öffentlich die tridentinische Messe gefeiert – zog also ein zu alttestamentlichen Psalmworten, betete und sang auf Latein, zelebrierte mit dem Blick zum Altar, spendete die Kommunion der hierfür knieenden Gemeinde, und bekreuzigte sich viele Dutzend Mal. Auch im Petersdom wurde bereits zweimal nach den Büchern des Trienter Konzils gefeiert. Laut einer Umfrage vom Oktober wünschen sich neun Millionen Italiener die Alte Messe in ihrer Ortsgemeinde. In Deutschland scheint das Interesse geringer. Dennoch hat sich seit Juli 2007 die Zahl der Messfeiern im alten Stil von monatlich rund 400 auf 900 mehr als verdoppelt.

Laut Antonio C. Llovera arbeitet die Gottesdienstkongregation momentan Vorschläge aus zur „Reform der Reform”. Der neue soll sich dem alten Ritus annähern, ohne mit diesem zu verschmelzen. Wann und ob überhaupt die Vorschläge veröffentlicht werden, ist ebenso offen wie die Frage, welche bindenden Kräfte eine solche Revision entfalten könnte. Fest steht jedoch, dass im September kommenden Jahres die Bischöfe Rom ihre Erfahrungen mit der Alten Messe berichten müssen. Dann wird sich zeigen, ob die Reform von 1969 auch im 21. Jahrhundert Bestand hat.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Siehe www.alexander-kissler.de

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